Zum Projekt

Dencker – Schmidt – Wittgenstein

Ihren 80. Geburtstag begingen Siegfried J. Schmidt am 28. Oktober 2020 und Klaus Peter Dencker am 22. März 2021. Der Kunsttempel ehrt die beiden Künstler aus diesem Anlass mit einer digitalen Ausstellung.

Seit den 1960er Jahren haben Dencker und Schmidt das Feld intermedialer Sprachkunst künstlerisch wie auch forschend und kuratorisch überaus wirksam bestellt. Mit den Arbeiten von Ludwig Wittgenstein, insbesondere mit seinem „Tractatus logico-philosophicus“, haben sich die beiden Künstler zeitlebens intensiv auseinandergesetzt. Der „Tractatus“ hat philosophisch wie auch stilistisch brillant den Zusammenhang von Sprache, Subjekt, Wirklichkeit sowie ihre Grenzen erörtert; das hat die Kunst und speziell die Sprachkunst seit der letzten Jahrhundertmitte enorm inspiriert. Wittgensteins berühmtes Werk begeht in diesem Jahr 2021 ebenfalls ein Jubiläum, denn es wurde 1921 erstmals veröffentlicht.

LW – TRACT

2020 erschien in der Redfoxpress von Francis Van Maele ein schön aufgemachtes kleines Buch im Format A6 unter dem Titel „LW – TRACT“ mit 32 Blättern visueller Poesie: Siegfried J. Schmidt und Klaus Peter Dencker hatten im gegenseitigen, auf einander bezogenen Wechsel Verarbeitungen des „Tractatus“ gestaltet: ein intensiver poetischer Dialog miteinander und mit Ludwig Wittgenstein. Hier schließt unsere Ausstellung an.

Digitale Ausstellung

Ursprünglich hatten wir vor, im Kunsttempel eine Ausstellung mit den Originalblättern (Format A4) und auch in Präsenz der beiden Jubilare zu realisieren. Das hat die Pandemie verhindert. Also haben wir einen anderen Weg beschritten, der im Kunsttempel bereits vorgezeichnet war: eine digitale Ausstellung.

Bereits im Jahr 2000 wurde in der Galerie die internationale „p0es1s“-Ausstellung zur digitalen Poesie mit Arbeiten gezeigt, die ausschließlich online zugänglich und speziell fürs Internet entwickelt wurden, und solchen, die für den physischen Ausstellungsraum konzipiert waren. Ein quasi ‚post-digitales‘ Konzept, an das wir mit den „POESIS“-Ausstellungen 2017 und 2019 angeknüpft haben.

Die Ausstellung „LW – TRACT“ macht nun nicht einfach nur die 32 Blätter digitalisiert zugänglich. Vielmehr versucht sie in ihren drei Abteilungen, die einzigartige, sinnliche und unersetzliche Qualität des Redfoxpress-Buches mit einigen Zugängen zu erweitern, die sich gerade im digitalen Raum des Internets anbieten:

Drei Teile

Der Hauptteil „LW – TRACT“ präsentiert die 32 Blätter jeweils in einer Zweieranordnung, wie sie auch im Buch auf Doppelseiten vorliegt: links Schmidt, rechts Dencker. Dem Publikum werden nun bei jedem Blatt zusätzliche Angebote gemacht: Zum einen haben die Kuratoren zu jedem Blatt auf subjektive, also nicht-repräsentative Weise Verbindungen zu Sätzen des „Tractatus“ hergestellt: eine exemplarische Lektüre Wittgensteins durch die Blätter von Dencker und Schmidt hindurch. Zum anderen wurde Handschriftliches transkribiert und damit leichter lesbar gemacht. Drittens kann jedes Blatt genauer für sich und über eine Zoom-Funktion aus größerer Nähe betrachtet werden.

Im Teil „Dekaden“ haben Klaus Peter Dencker und Siegfried J. Schmidt für jedes Jahrzehnt ihres Lebens bzw. ihres Schaffens ein repräsentatives Blatt gestaltet.

Die dritte Abteilung mit „Interviews“ eröffnet persönliche Kontexte der beiden Künstler zu diesem Projekt und generell zu ihrer künstlerischen Arbeit. Außerdem rücken hier ihre Stimmen ins Zentrum, weshalb bewusst aufs Bild bzw. einen Film verzichtet wurde.

Dank

Herzlichen Dank an Klaus Peter Dencker und Siegfried J. Schmidt, dass sie dieses Unternehmen ermöglicht haben, sowie für die Förderung insbesondere an die Stadt Kassel und die Stiftung Brückner-Kühner.

Friedrich W. Block & Leslie P. Zimmermann

Klaus Peter Dencker

(*1941 Lübeck-Travemünde), lebt in Ahrensburg. Seit 1970 internationale Ausstellungen visueller Poesie und ca. 100 Experimental- und Dokumentarfilme für ARD und ZDF. Leitender Regierungsdirektor der Kulturbehörde Hamburg sowie Professor für Medientheorie und Medienpraxis an der Universität Trier. Bücher u. a.: Werkausgabe: „Visuelle Poesie 1.“ Hrsg. Kunstbibliothek Berlin (Weitra 2006) und „Visuelle Poesie 2.“ Hrsg. Universitätsbibliothek Hamburg (Weitra 2015); „Optische Poesie. Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart“ (Berlin 2011); „LW-Sequenz“ (2003) zu Wittgenstein; und zuletzt: „TERES. love story of poetry in three parts“ (Malmö 2020), „AHA – TextLandscapes 1969-1975“ (Rom 2021), „ÜBER VIELE/S. Begegnungen 1960-2020“ (Weitra 2021). Weitere Information …

Siegfried J. Schmidt

(*1940 Jülich) lebt in Münster. Visuelle Texte, Lyrik, Prosa, Essays. Dissertation über Sprachphilosophie von Locke bis Wittgenstein. Seit 1971 Professuren für Sprach-, Literatur- und Kommunikationswissenschaft an den Universitäten Bielefeld, Siegen und Münster. 1978 Mitbegründer des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie. Seit 1959 Lesungen sowie Einzelausstellungen und Beteiligungen an Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen. Literarische Publikationen zuletzt: „Passagen Transitions Hyper“ (Klagenfurt, Graz 2014), „lebensdummheiten“ (Bielefeld 2016), „entfernungen“ (Bielefeld 2017), „federstriche“ (Bielefeld 2018), „veräußerungen“ (Bielefeld 2019), „findbuch“ (Bielefeld 2020), „randhaft“ (Bielefeld 2020). Weitere Information…

Ludwig Wittgenstein

(* 1889 Wien, † 1951 Cambridge). Studium der Ingenieurwissenschaften und der Philosophie. Volksschullehrer, Philosoph und Professor an der Universität Cambridge. Hauptwerke: „Tractatus logico-philosophicus“ (1921/1922) und „Philosophische Untersuchungen“ (1953). Bei Suhrkamp erschien eine achtbändige Werkausgabe. Weitere Information…